Les eaux-fortes
Julie Bourges
Mit ihrer Arbeit entwickelt Julie Bourges ein Langzeitprojekt, das die historische, mythologische und politische Beziehung zwischen Frauen und dem Ozean untersucht. Innerhalb dieses Werkkomplexes nimmt die Serie Les eaux-fortes eine zentrale Stellung ein: Sie wirkt als Kristallisationspunkt, an dem maritimes Gedächtnis, gegenwärtige Erfahrungen und die Einschreibung weiblicher Körper in ein lange verwehrtes Territorium aufeinandertreffen.
In mehreren Kapiteln – La main de la sorcière, Les eaux-fortes und Filles du vent – entwirft die Künstlerin eine sensible Kartografie weiblicher Lebenswege, die in maritimen Erzählungen marginalisiert wurden. In Les eaux-fortes verdichtet sich der Blick auf Gesten, Materialien und Präsenzen: Das Meer erscheint nicht nur alssymbolischer Horizont, sondern als Einschreibefläche. Körper, Werkzeuge, Boote und Landschaften tragen die Spuren eines konkreten Verhältnisses zur Arbeit und zum maritimen Element.
Ihre Arbeit rückt Figuren wie Bootsbauerinnen, Fischerinnen oder Navigatorinnen ins Zentrum, deren Praxis Widerstand gegen tief verankerte soziale Traditionen verkörpert. Lange Zeit galten Frauen auf See als unerwünscht; heute eignen sie sich diesen Raum durch Handlung, Kompetenz und Ausdauer neu an. In Les eaux-fortes zeigt sich Verletzlichkeit in der Konfrontation mit den Elementen ebenso wie in der Beharrlichkeit arbeitender, exponierter und solidarischer Körper. So wird das Meer zu einem ambivalenten Territorium: Ort der Emanzipation und zugleich Raum der Bewährung. Alltägliche Handlungen – reparieren, manövrieren, fischen – erhalten eine politische Dimension. Sie schreiben weibliche Körper in eine kollektive Geschichte der Wiederaneignung und Weitergabe ein, in der Wissen überdas Meer als situiertes, geteiltes und verkörpertes Wissen erscheint.
In einer zugleich dokumentarischen und poetischen Bildsprache verknüpft Julie Bourges in Les eaux-fortes die Materialität des Meeres – Salz, Wind, Rost, Wasser, Holz – mit einer fortdauernden mythologischen Dimension. Die Serie fungiert als sensibles Archiv: Sie dokumentiert nicht nur Praktiken, sondern legt deren symbolischeund affektive Dichte offen.
Im Resonanzraum des Festivals lädt Les eaux-fortes dazu ein, Verletzlichkeit als relationale Bedingung neu zu denken – als Beziehung zum Lebendigen, zur Arbeit, zu Umwelten und zu Überlieferungen. Fotografie wird hier zu einem Raum der Aufmerksamkeit und Erinnerung, in dem unsichtbar gewordene Erzählungen Sichtbarkeitzurückgewinnen und das Meer als Schauplatz stiller Kämpfe, Solidaritäten und nachhaltiger Transformationen erscheint.
Herstellungsjahr: 2021-2022