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Journées photographiques de Bienne, 9.-31.5.2026

Failles
Laetitia Gessler

Mit Failles vollzieht Laetitia Gessler einen künstlerischen Akt, der aus der Erfahrung von Long Covid und aus den systemischen Gewaltverhältnissen hervorgeht, die sogenannte „unproduktive“, verlangsamte, verletzliche und unsichtbar gemachte Körper betreffen. Das Projekt verortet sich im Zentrum zeitgenössischer Auseinandersetzungen mit Vulnerabilität und Care – verstanden nicht als individuelle Schwäche, sondern als geteilte, gesellschaftliche Bedingung.

Über nahezu drei Jahre hinweg – eineinhalb Jahre nahezu vollständiger Arbeitsunfähigkeit, gefolgt von einer langen Rekonvaleszenz geprägt von extremer Erschöpfung, Schwindel, diffusen Schmerzen und neurologischen Störungen – war die Künstlerin mit einer Form innerer Isolation konfrontiert, die den kollektiverlebten Lockdown fortsetzt undverschiebt. Diese Erfahrung erzwingt eine veränderte, fragmentierte Zeitlichkeit, in der Heilung ungewiss bleibt und jede Bewegung, jede Empfindung zum Ereignis wird. Gegen den medizinischen und gesellschaftlichen Druck zur schnellen Rückkehr zu Leistungsfähigkeit und Effizienzsetzt Failles eine Ästhetik der Langsamkeit, der Aufmerksamkeit und des Widerstands. In diesem schwebenden Raum entfaltet das Projekt eine fragile, durchlässige Bildwelt: verletzliche Porträts, Landschaftsfragmente, Hautoberflächen, Adern, Schleier. Die Bilder versuchen nicht, Krankheit abzubilden, sondern ihre diffusen Wirkungen, ihre Wahrnehmungsschwellen und Zwischenzustände erfahrbar zumachen. Die Fotografie wird zu einemporösen Raum, zu einem Ort visuellen Zuhörens, an dem das Bild mehr andeutet als zeigt und die körperliche Erfahrung in ihrer ganzen Komplexität sichtbar werden lässt.

Über die persönliche Erfahrung hinaus macht Failles ein strukturelles Problem sichtbar: die anhaltende Schwierigkeit des medizinischen Systems, unsichtbare Krankheiten ernst zu nehmen – insbesondere dann, wenn sie Frauen betreffen. Wie viele Patientinnen mit chronischen Erkrankungen erlebte die Künstlerindiagnostische Irrwege, mangelndes Zuhören und die Notwendigkeit, zur Expertin der eigenen Krankheit zu werden. Long Covid wirkt hier als Verstärker älterer Verzerrungen, in denen weibliche Schmerzen bagatellisiert, psychologisiert oder delegitimiert wurden.

Das Projekt stellt damit unmittelbar die Hierarchie der Leben infrage: Welche Körper gelten als glaubwürdig, behandlungswürdig, unterstützenswert? Welche Rhythmen werden als akzeptabel erachtet? Indem Laetitia Gessler den vulnerablen Körper als Ort von Wissen und Widerstand behauptet, kehrt sie die dominante Erzählung um. Fragilität ist keineDefizienz mehr, sondern eine subversive Kraft. Das Bild wird zu einem Mittel der Rückaneignung, zu einem Akt des Ungehorsams gegenüber produktivistischen und ableistischen Logiken, die unsere Gesellschaften strukturieren.

Indem Failles unsichtbare Krankheiten in eine Ästhetik des Care einschreibt, beteiligt sich das Werk an einem zeitgenössischen Kampf um die Anerkennung erschöpfter, langsamer und nicht konformer Körper sowie um eine grundlegende Neubestimmung unseres Verhältnisses zu Zeit, Arbeit und Norm. Es fordert eineradikale Veränderung des Blicks: anders zu sehen, anders zuzuhören, den Körpern zu glauben. So macht Failles deutlich, dass Care kein moralischer Zusatz ist, sondern ein politischer Kampf : ein Raum der Forderung, der Sichtbarkeit und der kollektiven Rekonstruktion, in dem Vulnerabilität zu einem Ort der Transformation, der Gerechtigkeit und der Reparatur wird.

Herstellungsjahr: 2025

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