Osmosis
Lester Kielstein
Mit Osmosis entwickelt Lester Kielstein eine langfristige fotografische Untersuchung der gegenwärtigen Sichtbarkeitsregime von Migration an der deutsch-polnischen Grenze . Entstanden aus einer mehr als 13.000 Kilometer langen Reise durch das Land, beobachtet das Projekt eine von Spannungendurchzogene Landschaft: Auf der einen Seite steht die stark sichtbare, medial vielfach verstärkte Mobilisierung der extremen Rechten; auf der anderen Seite finden sich die leisen, oft übersehenen Spuren von Migration, insbesondere entlang der deutsch-polnischen Grenze. Zwischendiesen Polen stellt Osmosis Fragen danach, was zirkuliert, was aufgehalten wird, was verschwindet – und was nur sichtbar wird, wenn man innehält und den Blick schärft.
Der Titel verweist auf den physikalischen Prozess der Osmose, bei dem Teilchen eine semipermeable Membran passieren: Einige gelangen hindurch, andere werden zurückgehalten. Kielstein nutzt dieses Bild als politische Metapher für den europäischen öffentlichen Raum, in demmigrantische Geschichten ungleich verteilt zirkulieren. Über Geflüchtete wird viel gesprochen – in politischen Diskursen, medialen Debatten und statistischen Erhebungen –, doch ihre eigenen Stimmen dringen nur selten in die Öffentlichkeit vor, und wenn, dann häufig in instrumentalisierter, vereinfachter oder vorstrukturierter Form. Diese Asymmetrie – wer gesehen wird, wer erscheinen darf und wer ausgeblendet bleibt – bildet den Kern von Osmosis.
Anstatt Migration direkt über Porträts oder klare narrative Zuschreibungen darzustellen, vollzieht der Künstler eine bewusste Verschiebung. Osmosis setzt sich aus Fragmenten zusammen: zurückgelassene Gegenstände, Grenzlandschaften, administrative Dokumente, banale Infrastrukturen, Flussläufe, Felder, Stromleitungen, Übergangszonen. Diese Elemente fungieren als Indizien, als indirekte Zeugnisse einer Präsenz, die durch Kontrollmechanismen, mediale Vereinfachung und gesellschaftliches Vergessen unsichtbar gemacht wird. Die Fotografie will hier nichts„beweisen“ – sie macht erfahrbar. Sie benennt nicht eindeutig, sondern eröffnet einen Raum der Aufmerksamkeit, in dem sich die Frage des Zeugnisses vom Spektakulären hin zum Unspektakulären, Alltäglichen verschiebt.
Die Buchform von Osmosis ist integraler Bestandteil des Projekts. Das Werk entfaltet sich als Lese- und Seherfahrung, die von Brüchen, Leerstellen und Pausen geprägt ist. Weiße Seiten, kaum sichtbare Bilder und wiederkehrende Motive erzeugen einen langsamen, beinahe atmendenRhythmus, in dem das Verschwinden selbst Teil der visuellen Sprache wird. Das Buch füllt die Leerstellen nicht – es hält sie offen. Es versetzt die Betrachtenden in eine aktive Position, fordert dazu auf, das Nicht-Sofort-Sichtbare wahrzunehmen, Unvollständigkeit auszuhalten und zubegreifen, dass Migration auch aus Unterbrechungen, Verlusten und Auslassungen besteht. In dieser Ökonomie der Zurückhaltung wird Abwesenheit zu einem Material und Fragmentierung zu einer Methode.
Diese Aufmerksamkeit für Schwellen und Übergänge durchzieht das gesamte Projekt. Die fotografierten Orte sind häufig liminale Räume: Straßenränder, Flussufer, Waldränder, ländliche Zonen, funktionale Architekturen, administrative Spuren. Sie erscheinen zunächst neutral, sindjedoch von Machtverhältnissen durchzogen. Es sind Orte des Wartens, des Passierens, des Filterns. Anstelle der dramatischen Bildsprache der „Krise“ zeigt Kielstein ein Terrain, in dem Migration durch Reste, minimale Zeichen und zurückgelassene Dinge sichtbar wird: ein Papier, einKleidungsstück, eine Spur im Gras. Diese Ästhetik der Spur verweigert die voyeuristische Sichtbarkeit und schützt die Betroffenen vor einer erneuten Objektivierung. Der Blick verschiebt sich – vom Individuum zu den Bedingungen, vom Gesicht zur Infrastruktur, vom vorgegebenenNarrativ zu stillen Hinweisen.
Im Kontext von Vulnerabilities versteht Osmosis Vulnerabilität als eine politisch produzierte Bedingung, die durch Kontrollsysteme und Sichtbarkeitshierarchien entsteht. Das Projekt macht sowohl die Verletzlichkeit der sich bewegenden Körper als auch die Fragilität jener Systemesichtbar, die vorgeben, sie zu repräsentieren. Was kann ein Bild angesichts dessen leisten, was gefiltert, verdrängt oder unsichtbar gemacht wird? Wie lässt sich fotografieren, ohne auszustellen? Wie lässt sich Zeugenschaft herstellen, ohne neue Formen visueller Gewalt zu erzeugen? IndemKielstein auf Fragment, Stille und Zurückhaltung setzt, entwickelt er eine andere Bildethik – eine Praxis des visuellen Care, in der Sehen zu einem situierten, aufmerksamen und verantwortungsvollen Akt wird.
Osmosis erzählt Migration nicht als singuläres Ereignis, sondern als Struktur: als eine Bewegung, die durch Schwellen, Regulierungen sowie sichtbare und unsichtbare Grenzen geprägt ist. Das Projekt konfrontiert uns mit einer grundlegenden Frage: Was bedeutet Sehen heute, in einerWelt, in der Geschichten gefiltert, hierarchisiert und instrumentalisiert werden ? Und was bleibt sichtbar, wenn wir uns entscheiden, wirklich genauer hinzuschauen ?
Herstellungsjar: 2025