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Journées photographiques de Bienne, 3.–26.5.2024

Umzug – Kurze Geschichte einer gescheiterten Wohngemeinschaft
Cédric Widmer

Im November 2001 zog ich zusammen mit zwei Freunden in ein freistehendes Haus ob Lausanne. Damals wollten wir noch nicht mit unseren Freundinnen Bett und vor allem Tisch teilen. Sie sollten jeweils unsere Gäste sein…, das war auch eine der Bedingungen für unser Zusammenziehen. Während ungefähr einem Jahr war alles Friede, Freude, Eierkuchen. Wir glaubten, wir hätten jeder einzelne für sich die passende Form des Zusammenlebens gefunden: Ein geschickt ausbalanciertes Gleichgewicht zwischen den Momenten, in denen wir unter uns waren und jenen, die wir gemeinsam mit den Freundinnen verbrachten. Dieses Gleichgewicht geriet eines Tages bös ins Wanken: Einer der Freunde liess uns wissen, dass seine Freundin künftig permanent und definitiv anwesend sein werde. Wir wurden vor ein Fait accompli gestellt.

Und so kam es, wie es kommen musste: Die Paardynamik erwies sich als unvereinbar mit unserer Form des Zusammenlebens. Die Veränderung setzte unweigerlich einen Schlusspunkt hinter unser Abenteuer. In den sechs Monaten vor dem endgültigen Bruch war die Stimmung extrem angespannt. Schliesslich breitete sich Schweigen aus. Das Schweigen wurde zu einem provisorischen Fluchtpunkt für uns alle. Dann entschieden wir, uns zu trennen.

Projektbeschreibung
Der Entscheid, die letzten 30 Tage meines Aufenthalts in der Wohngemeinschaft zu dokumentieren, fiel ziemlich impulsiv. Es entstand ein Art Logbuch, das die Ereignisse auf intime Weise nachzeichnet. Vom 1. bis zum 30. April 2003 wurde – wohl in einem etwas obsessiven Rhythmus – jedes Mal am Morgen beim Weggehen und am Abend bei meiner Heimkehr eine Bestandesaufnahme vorgenommen. Mit der Zeit stellte ich fest, wie stark diese Mauern und die Alltagsgegenstände an Bedeutung gewannen, je länger ich mich mit ihnen auseinandersetzten. Tief betroffen vom Ausgang unseres gemeinsamen Wohnabenteuers fand ich in den Bildern ein Mittel, die Worte zu ersetzen, die uns fehlten. Was die Arbeit letztlich bedeuten sollte, wusste ich damals noch nicht – sicher aber würde sie einmal Zeugnis ablegen von einem Lebensabschnitt.

Cédric Widmer

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