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Journées photographiques de Bienne, 3.–26.5.2024

Cabinets
Sarah Girard

Psychoanalysepraxen sind geschlossene, geheime Räume par excellence. In ihnen wird ins Innerste vorgedrungen, und gleichzeitig sind sie völlig abgeschottet. Im Grenzgebiet zwischen Realität und Fiktion bleibt normalerweise nur das aus individuellem Erleben heraus gebildete Wort, um diesen Raum zu beschreiben und ihn mittels Wiedererinnerung oder Vorstellungsvermögen zu rekonstruieren.

Die Psychoanalysepraxis ist meistens ein von seinem Besitzer – dem Analysten – ausstaffiertes, bürgerliches Wohnzimmer, in dem er ebenfalls ihm gehörende Dekogegenstände unterbringt. Paradoxerweise entbehren jedoch diese Räume trotzdem jeglicher persönlicher Note. Einerseits entsteht also ein «intimer» Gesamteindruck, und andererseits findet man in diesen Räumlichkeiten v.a. Gegenstände, die mit starker Symbolkraft gefüllt sind und einen streng kodifizierten Rahmen schaffen: ein Sofa, einen Sessel, eine Wanduhr, Vorhänge, eine Box mit Kleenex…

Die Psychoanalysepraxis und die Gegenstände, die sie enthält, verkörpern für den Patienten die tatsächliche Natur des «Objekts », d.h. das, was sein Gefühlsleben beeinflusst, insbesondere seine Art und Weise, zu sehen. Wie die unscharf gezeichneten Ränder der Wolken oder die Tintenflecken aus dem aus der Psychologie stammenden Rorschach-Test bedingt jedes Objekt eine eingehende und aufmerksame Beobachtung, ja sogar einen instinktiven voyeuristischen Reflex: Der Raum dient gleichzeitig als Quelle und als Auffangfläche für gedankliche Projektionen.

Ähnlich wie im Märchen von Blaubart, in dem die junge Gemahlin ein bestimmtes Zimmer unter keinen Umständen betreten darf, bedeutet das Eindringen in eine psychoanalytische Praxis ausserhalb des therapeutischen Rahmens und mit einem Fotoapparat, wie das Sarah Girard kürzlich für eine Bilderserie mit dem Titel «Cabinets» (Praxisräume, 2006–2007) getan hat, das Überschreiten eines Verbots. Immerhin erlaubt die Distanz, welche das Medium Fotografie aufbaut, die spezielle Form der Darstellung zwischen Wahrnehmung und Projektion zu hinterfragen. Die Nüchternheit der von der Künstlerin besuchten Räumlichkeiten wie auch der fragmentarische Aspekt der Arbeit lassen für diese Clichés ein breites Wahrnehmungsspektrum zu und laden die Betrachter dazu ein, eine «private Lesung» vorzunehmen.

Der Ledersessel, den Sarah Girard mit ihrem Objektiv einfängt, macht hier keine Ausnahme: Der Zahn der Zeit hat an ihm genagt. Seine Textur, seine Farbe, der Staub und die Falten erinnern an jene, die auf ihm gesessen haben. Die Abdrücke verweisen auf eine sowohl materielle als auch memorielle Tiefe. Als würde das Bild ausloten, was unter der glatten Oberfläche des Alltags liegt. Die Fotografien von Sarah Girard sind selbstreferentiell, eigentliche Bild-im-Bilder des therapeutischen Prozesses. Die Akteure des Prozesses sind zwar abwesend, aber in den Bildern ist das Ungesagte, das verstörend Verschwiegene präsent.

Eveline Notter

Diese Ausstellung ist ein Vorschlag von Eveline Notter

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